No.24 | 365 Wunschgedanken

„Viele versäumen Wichtiges in ihrem Leben, weil es ihnen ungeheuer wichtig ist, nichts zu versäumen“

„Du bist doch nur schwanger, nicht krank! Ich kann dich ruhig mal ein Wochenende alleine zuhause lassen, da passiert schon nichts!“
Ihren traurigen Blick konnte er kaum ertragen und drehte sich schnell zur Seite. Er hat sich diesen Vereinsausflug mit den Kollegen fest vorgenommen und wird ihn jetzt auch durchziehen. Schließlich ist er bald Vater und dann hat das lockere Leben ohnehin ein Ende. Es wird ihm keiner verdenken können, dass er nochmal unbeschwert feiern möchte. Und was spricht denn schon dagegen, beides zu haben? In einer Woche frischgebackener Papa zu sein und dieses Wochenende nochmal auf die Walz zu gehen?
Ihm war bewusst, dass er sich diese Vornehmung schön redete und er sich rechtfertigte, obwohl das gar nicht nötig war. Die Frau, die sein Baby im Bauch trug, war mehr als nur ein Glücksfang. Sie versuchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, regelte den Alltag, wenn er beruflich oder durch seine vielen Verpflichtungen und Termine unterwegs war, machte ihm keine Vorwürfe und war eine Seele von Mensch. Was er doch für ein Glück hatte, den Rücken freigehalten zu bekommen, um möglichst viele Erlebnisse in seine Freizeit zu packen. Nach der Vereinsfahrt musste er wirklich ruhiger werden und auch einfach mal zuhause bei ihr bleiben.

Sie dachte sich schon, dass er die Fahrt antreten wird. Dennoch blieb bis zur entgültigen Entscheidung immer ein Hauch von Hoffnung, dass er in der heiklen Phase vor der Geburt doch bei ihr bleiben würde und nicht von seiner ständigen Angst getrieben wurde, etwas Wichtiges zu verpassen. Mehr als einen traurigen Blick hatte sie jedoch nicht zu erwidern, sie war einfach nicht der Mensch, der seine Zeit für sich einforderte. Also werde sie dieses letzte Wochenende vor dem errechneten Geburtstermin schon alleine über die Bühne bekommen. Was sollte schon passieren?

Sein Handy klingelte schon mehrere Minuten in seiner Hosentasche. Es war Samstagabend, die Laune feuchtfröhlich und seine Hände mit dem Bier vor sich beschäftigt. Durch die Lautstärke in der Bar war es unmöglich, das Klingeln zu hören. Der Zustand durch diverse Bierrunden führte dazu, dass auch der Vibrationsalarm für ihn nicht mehr zu spüren war.

Sie lag in den Wehen. Seit Stunden versuchte die fürsorgliche Krankenschwester ihn zu erreichen. Doch auch sie selbst hatte keinen Erfolg, als sie es zuhause das letzte Mal versuchte, bevor sie kapitulierte und den Krankenwagen rief. Es wird schon alles gut gehen, er kommt bestimmt noch pünktlich, die Schwester bekommt das hin. Das waren ihre letzten Gedanken, bevor die nächste Wehe sie mit solcher Wucht traf, dass sie vor Schmerzen in Ohnmacht fiel.

Durst. Solch ein Durst! Wo war er? Wie ist er denn überhaupt ins Bett gekommen? Ein paar Augenblicke benötigt er, bis er sich sammeln kann, ihm bruchstückhaft Szenen des gestrigen Abends in den Sinn kommen und er weiß, dass er sich auf Vereinsfahrt befindet. Was war das für eine Sause gestern! Aber wie spät war es überhaupt? Der Blick auf sein Handy soll Aufschluss darüber geben, doch er sieht nur 43 Anrufe in Abwesenheit. Sofort ist er hellwach.

Als er im Krankenhaus eintrifft, sind die ganzen Strapazen der gestrigen Nacht nicht mehr zu sehen, doch eine ungewisse Leere schlägt ihm entgegen. Als der Arzt ihm seine gesunde Tochter in die Arme legt, bringt er nur ein leises „Es tut mir sehr leid. Sie war bis zum Schluss eine sehr tapfere Frau“ hervor.

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