Beklemmend

Du stehst an einem großen Bahnhof in Deutschland. An sich hast Du keine Lust auf die bevorstehenden Stunden. Du wärst viel lieber auf dem Sofa, würdest durchs Internet surfen oder Serien schauen. Stattdessen läufst du durch den Schneesturm in der Kälte und wartest auf Anschluss-Züge. Vor Langeweile kaufst du dir etwas zu essen und stellst dich in eine ruhige Ecke. Du siehst Elend und Leid, welches Schilder vor sich hält und Pfand sammelt. Es dauert nicht lange, bis du um Geld gebettelt wirst. Spätestens dann geht es dich etwas an, ist es in deine kleine Welt gelangt und du hast keine Möglichkeit mehr daran vorbei zu sehen. Der Griff um deine Tasche verspannt sich. Du überlegst, was zu tun ist. Ignorieren? Reagieren? Aber wie? Den Geldbeutel zücken? Mit den Schultern zucken? Wie durch einen Reflex schaue ich traurig und schüttele den Kopf. Enttäuscht zieht der Mann von dannen und lässt mich mit einer beklemmenden Stimmung zurück. Warum habe ich nicht mit ein bisschen Kleingeld geholfen? Angst, dass irgendwo ein Komplize steht, der meinen kompletten Geldbeutel entwendet? Ist das nicht ein bisschen paranoid? Und ist es nicht vor allen Dingen traurig, dass wir überhaupt direkt an solche Schlechtigkeiten denken und dadurch unsere Hilfe verwehren? Gehen wir noch einen Schritt weiter: ist es nicht furchtbar, dass ich überhaupt mit meinen Luxusproblemen am Bahnhof stehe, während andere liebend gerne mit mir tauschen würden, da sie nicht mal ein Dach über den Kopf haben? Ich fühle mich weiterhin schlecht, ob der Tatsache, dass nicht genug für jeden da ist, obwohl genug für jeden da ist. Dass ich gerade gestern nach einem intensiven Gespräch über dieses Ungleichgewicht ins Bett ging und bereits am nächsten Tag wie gelähmt wieder in ein oberflächliches Muster verfalle? Natürlich gibt es Bettelbanden, schlechte Menschen und Boshaftigkeiten. Ich habe jedoch nicht mal den Versuch unternommen, hinter die Fassade zu blicken, hab es mir einfach gemacht und lediglich mit den Schultern gezuckt.
Ich nehme mir etwas vor. Ich bin mir nicht sicher ob ich den Mut dazu aufbringen werde, aber ich möchte versuchen, bei einem der nächsten Male zu fragen, ob ich mit einem Kaffee aushelfen kann, ein paar Minuten meiner Zeit verschenke und mein Ohr dazu gebe. Dafür, wieder als Mensch gesehen zu werden, mit einer Geschichte, die für diese Situation verantwortlich ist und mit einem kleinen Licht, was ich dann hoffentlich spenden konnte. Weil das vielleicht noch ein bisschen mehr ist, als ein Euro und sicherlich mehr als es Schulterzucken.

Bis dahin muss ich damit zurecht kommen, dass ich vermeintlich unbedacht reagiert habe und vermutlich immer wieder reagieren werde.

Määähhhhh!

“Herrje! Morgen ist Weiberfastnacht und ich weiß noch gar nicht was ich anziehen soll!!!“ – man muss dazu sagen, dass an Weiberfastnacht in unserer Firma alle Frauen verkleidet zur Arbeit erscheinen. Nachdem ich alle meine 10 Showtanz-Outfits bereits die letzten 10 Jahre ausgeführt habe, benötigte ich etwas anderes. Und da ich gerade den Auftrag von meiner Schwägerin erhalten hatte, meinem kleinen Neffen ein „Schneemann-Olaf“-Kostüm zu nähen, hatte ich diesen flauschigen Stoff vor mir liegen, der mich an ein Schaf erinnerte. Wer mich kennt weiß, dass ich Schafe liebe und prompt war die Idee geboren: Ich nähe mir ein schnelles Schaf. Gesagt getan, denn Zeit hatte ich ja nicht mehr wirklich.
Das Kostüm war perfekt für meine kaputtgefallenen Rippen, da es so schön weit und gemütlich ist, durch die freien Beine aber dennoch etwas vom Körper zeigt. Ich hab mich sau.. äh schafwohl gefühlt! Und natürlich war ich auch stolz auf mein erstes Nähstück, welches ich selbst tragen konnte. Da zwei meiner Freundinnen dies mitbekamen, hatte ich spontan bis Fastnachtssonntag noch zwei weitere Aufträge für Schafe, eines wie meins und eines mit Rockabschluss, statt mit Hot-Pants.

Den Schnitt habe ich mir zusammengebastelt aus einer auffindbaren Kapuze und Oberteil, Hose, bzw. Rockteil dann einfach „frei Schnauze“. Der Stoff ist übrigens eine Kuscheldecke von LIDL, aus der ich auch den Leseknochen gezaubert habe.

Leseknochen

Viele fangen damit an. Da ich den Anfang verpasst habe, aber trotzdem einen haben wollte, war der Leseknochen eben ein etwas späteres Projekt und wurde erstmals mit dem Label versehen. Coole Sache!

Genäht war er sehr schnell, das Stopfen hat länger gedauert. Ein absolutes Recycling-Projekt, das Innenleben besteht aus einem alten Kissen, der Stoff wurde von einer Decke genommen, die ich für ein anderes Nähprojekt benötigte, welches bereits in den Startlöchern stand.

Ist schön und auch kuschelig, ich gebe jedoch zu, dass ich ihn vielleicht ein bisschen zu steif gestopft habe. Aber das liegt sich bestimmt noch geschmeidig.

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Stoff: Kuscheldecke aus dem LIDL
Schnitt: Stoffe.de

No. 29 | 365 Wunschgedanken

„Zufriedene brauchen kein Glück, sie haben es bereits“

Wir hatten ja nichts.

Hatten wir vielleicht sogar mehr? Weil wir gar nicht auf die Idee kamen, dass wir nichts hatten und einfach mit dem zufrieden waren, was uns zur Verfügung stand? War das nicht viel mehr, als das, was man heute so hat? Nicht materiell, sondern ideell?

Schauen wir auf das Beispiel eines Kindes. Ob es in Unmengen an Spielzeug versinkt oder vielleicht nur das Plastikschüsselfach der Mama gefunden hat: man wird es selig spielend auf dem Küchenboden beobachten können. Erst mit zunehmendem Alter beeinflussen wir es nachhaltig, indem wir es mit Geschenken überschütten und alles im Überfluss vorhanden ist. Bald sind die verfügbaren Spielsachen nicht mehr gut genug und neue müssen her. Alles muss toller, größer, schicker und besser werden. Das eigentliche Ziel gerät dabei schnell aus den Augen. Die eigene Zufriedenheit wird eben nicht durch ein Überangebot erreicht, doch eher durch eine Reduzierung der Dinge, die uns von unserem Glück ablenken.

Wann hast Du zuletzt auf einer Bank gesessen und die Menschen um Dich herum beobachtet, die Flugbahn eines Schmetterlings verfolgt oder die Gerüche der Natur aufgenommen, ohne Dich von etwas ablenken zu lassen? Der Frühling startet, Zeit, sich auf die kleinen Dinge zu konzentrieren und glücklich auf die eigene Zufriedenheit zu schauen.

Pullover im Doppelpack

Der Vorteil, wenn man eine Nähmaschine besitzt? Man kann tolle individuelle Geschenke verschenken. Und so dachte ich mir, mache ich für Mutter und Tochter doch einen Doppelpack, da beide sehr zeitnah Geburtstag haben. Das war mein erster Pulli und das in zweifacher Ausführung. Genäht habe ich den “Miro” von Worawo. Das ist ein toller Schnitt, den man sehr schön variieren kann und den es für die komplette Familie gibt. Ich habe mich an sich an das Design gehalten, nur den Kragen ausgetauscht. Ich wollte keine Kapuze nähen, da diese aus dünnem Stoff gerne etwas labbrig daherkommen. Also habe ich mich für sowas wie einen Stehkragen entschieden. Den habe ich mir selbst ein wenig zurechtgefriemelt. Ebenso wollte ich die Kängurutasche des Pullis auf beiden Seiten mit einem Eingriff, dazu muss man die linke Seite einfach spiegeln. Das war keine Kunst.

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Mein erstes Jersey-Projekt hat mich anfangs ein bisschen Nerven gekostet. Bis ich rausgefunden habe, dass man hier einfach eine gewisse Nahtzugabe benötigt und nicht so nah am Rand nähen darf, war der Stoff schon einige Male in der Maschine hängengeblieben und meine erste Nadel ist abgebrochen. Aber nur so lernt man!

Die Geburtstagskinder haben sich jedenfalls ehrlich gefreut, was mich natürlich glücklich machte.

Labelbestellung

Mir war nach meiner ersten Hose schon klar: Hieran hab ich Spaß, das werde ich nun exzessiver betreiben. Da sich bereits vermehrt Ideen in meinem Kopf manifestierten und ich an Geschenke für Freunde und Verwandte dachte, wollte ich dem Ganzen einen professionelleren Look geben. Ein Label sollte her! Dabei kann man aus vorgefertigten Labels wählen, solchen zum Einbügeln, zum Einnähen… der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Ich wollte jedoch etwas Individuelles und entschied mich somit für “flysig genäht”. Flysig schwebt mir schon sehr lange im Kopf, da es sich aus fly (fliegen) fleißig zusammensetzt. Ich möchte mit Fleiß meinen Ideen Flügel verleihen: flysig war geboren. Das schon vor ein paar Jahren.

Also verglich ich Angebote und Preise im Internet und landete so bei Dortex und habe für einen schmalen Taler (21,75 € für 50 Labels inkl. Versand) diese hübschen Exemplare erhalten, die jedes Nähstück, was mir von der Nadel hüpft zu etwas noch Besondererem macht.20160108_151025.jpg

 

 

Mein erstes Projekt: Die Damenhose “Lässig”

Passend zur Nähmaschine gab es von meiner Mutter ein Stück “Weihnachtsstoff”. Ich müsse ja testen, Funktionen kennenlernen und ein bisschen üben. Zugegebenermaßen wurde mir das sehr rasch viel zu langweilig. Nachdem ich dann sämtliche kaputte Nähte des Kleiderschrankes korrigiert hatte, wollte ich etwas Richtiges starten. Etwas, wovon ich auch etwas habe. Da ich schon immer der Meinung war “Geht nicht – gibt´s nicht” habe ich mich als erstes Nähprojekt an die Damenhose “Lässig” von leni pepunkt gewagt. So hatte ich etwas für mich selbst, was ich zuhause anziehen konnte, wo es auch nicht störte, wenn es nicht so toll wird.510bd634.m-600x600.jpg

Ich sammelte schon über lange Zeit Schnittmuster, für den Fall, dass ich endlich irgendwann eine Nähmaschine mein eigen nennen würde. Also konnte ich direkt starten. Direkt war klar, dass der Teil des Schnittmusterzusammenklebens, sowie -Übertragens nicht der Teil wird, der mir am meisten Spaß bringt. Als ich das aber hinter mich gebracht hatte (ich übertrage die gewünschte Größe auf Backpapier und schneide dieses dann aus, damit das SM erhalten bleibt), konnte es endlich losgehen.

Und ich war mehr als erstaunt! Da wurde tatsächlich ein Kleidungsstück geboren, von meinen Händen geschaffen! Aufgeregt hüpfte ich umher, als ich mein erstes Bündchen genäht hatte. Schritt für Schritt hangelte ich mich an der Nähanleitung entlang und konnte final eine tolle Hose mein eigen nennen! Und die war gar nicht mal so schlecht geworden. Der beste Fehler schlich sich beim Bauchbündchen ein, welches ich erst einmal komplett zunähte. Ist natürlich schlecht um nachher noch hineinsteigen zu können. So habe ich auch gleich Bekanntschaft mit dem Nahtauftrenner machen können. Auch dieser wird nicht mein bester Freund werden. Zudem bin ich mit 1,75 m etwas größer geraten und würde die Hose ein zweites Mal etwas länger nähen. Alles in allem war ich jedoch furchtbar stolz, trage diese Hose die meiste Zeit meiner Freizeit und bin immer traurig, wenn sie in die Wäsche muss. Ich habe sie sogar schon in der Öffentlichkeit zum Einkaufen und Besuch der Familie ausgeführt. Ein wirklich euphorisches, tolles Gefühl!